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Gehalt verhandeln ohne anderes Angebot

Marcus Reid
Negotiation & Leadership Coach
Aktualisiert
7 Min. Lesezeit

Du hast in jedem Ratgeber gelesen, dass ein Gegenangebot das wichtigste Druckmittel sei – aber du hast keines. Vielleicht suchst du nicht einmal nach einer neuen Stelle. Vielleicht gefällt dir dein Job und du möchtest einfach fair bezahlt werden. Also gehst du davon aus, dass die Sache aussichtslos ist: Solange kein anderes Unternehmen mit einem höheren Gehalt winkt, gebe es nichts zu verhandeln. Dir bleibe nur, das Angebot anzunehmen und abzuwarten.

Diese Schlussfolgerung ist falsch – und du solltest dich früh von ihr verabschieden, denn sonst kann sie dich über Jahre hinweg viel Geld kosten. Grundlagen erfolgreicher Verhandlungen erklärt das BATNA-Prinzip: deine beste Alternative zu einer Verhandlungslösung. Ein Gegenangebot ist nur eine mögliche Alternative. Es ist die auffälligste, aber längst nicht die einzige.

Eine Hand hält Erfolge mit einem Füller im Notizbuch fest, um Argumente für die Gehaltsverhandlung zu sammeln

Braucht man für eine Gehaltsverhandlung ein Gegenangebot?

Nein. Ein Gegenangebot ist zwar das eindeutigste Druckmittel, aber bei Weitem nicht das einzige. Es als Voraussetzung zu betrachten, gehört zu den teuersten Irrtümern bei Gehaltsverhandlungen – ähnlich wie die Fehler, die wir im Artikel über kostspielige Fehler bei der Gehaltsverhandlung behandeln.

Ein Druckmittel ist im Kern alles, was ein Nein für die andere Seite teurer macht als ein Ja.

Welche Argumente überzeugen auch ohne Gegenangebot?

Du kannst nachweisbare Erfolge, aktuelle Marktdaten und die Kosten deines Weggangs anführen. Diese drei Druckmittel bestehen unabhängig davon, ob du Angebote anderer Unternehmen prüfst – und du kannst sie konkret belegen.

  • Nachweisbare Erfolge. Konkrete Ergebnisse, die du erzielt hast – etwa ein abgeschlossenes Projekt, ein verbesserter Prozess oder zusätzlicher Umsatz – machen deinen Wert sichtbar, statt ihn nur vorauszusetzen.
  • Marktdaten. Vergleichsgehälter für deine Position lenken das Gespräch weg von der Frage „Was glaubst du zu verdienen?“ und hin zu „Was ist diese Position am Markt tatsächlich wert?“.
  • Die Kosten deines Weggangs. Wer würde deine Aufgaben übernehmen? Wie lange würden Suche und Einarbeitung einer Ersatzkraft dauern? Welches interne Wissen ginge mit dir verloren? Eine gute Führungskraft stellt diese Rechnung ohnehin auf.
  • Gewachsener Verantwortungsbereich. Wenn deine Aufgaben seit der letzten Gehaltsfestlegung deutlich zugenommen haben, ist diese Lücke ein eigenes Verhandlungsargument.
  • Der richtige Zeitpunkt im Budgetzyklus. Sprich das Thema kurz vor der Budgetplanung an. Dann kann deine Forderung direkt berücksichtigt werden.

Für keines dieser Argumente brauchst du auch nur eine einzige Nachricht von einem Personalvermittler. Du musst lediglich konkret beschreiben können, welchen Beitrag du tatsächlich leistest.

Wenn du nicht nur deine Verhandlungsposition verstehen, sondern auch genau wissen möchtest, was du sagen kannst, hilft dir unser ausführlicher Gesprächsleitfaden für die Gehaltsverhandlung. Die genannten Argumente bilden das Fundament für die dort vorgestellten Formulierungen.

Darf man ein anderes Jobangebot vortäuschen?

Nein, und das muss klar gesagt werden. Ein nicht vorhandenes Gegenangebot zu erfinden, ist unehrlich und gefährdet deinen Ruf, falls die Lüge auffliegt. Außerdem untergräbt es dein nachhaltigeres Druckmittel: deine Glaubwürdigkeit, die du bei jeder künftigen Verhandlung mit diesem Arbeitgeber brauchst.

Ein Bluff lässt sich überprüfen. Deine Führungskraft könnte fragen, von welchem Unternehmen das Angebot stammt, was es umfasst oder bis wann du antworten musst. Ein erfundenes Angebot hält konkreten Nachfragen selten stand.

Hinzu kommt ein weniger offensichtlicher Nachteil: Gewährt dir eine Führungskraft eine Gehaltserhöhung, weil sie deinen unmittelbaren Weggang befürchtet, betrachtet sie dich womöglich künftig als Abwanderungsrisiko. Das kann beeinflussen, wie stark sie noch in deine Entwicklung investiert. Eine ehrlich ausgehandelte Gehaltserhöhung, die auf deinem tatsächlichen Wert beruht, wirft diesen Schatten nicht.

Zwei Dokumente mit einer Liste erbrachter Beiträge und einem Balkendiagramm als Grundlage für eine wertbasierte Gehaltsverhandlung
Zwei voneinander unabhängige Gründe für ein Ja: deine erbrachten Leistungen und der Marktwert deiner Position.

Wie begründest du mehr Gehalt mit deinem Wert?

Gehe dabei wie bei jeder überzeugenden Argumentation vor: Nenne konkrete, belegbare Fakten und stelle heraus, welchen Nutzen das Unternehmen davon hat – nicht nur, was du dir wünschst.

Schreibe zunächst deine konkreten Beiträge aus den vergangenen sechs bis zwölf Monaten auf. Vermeide allgemeine Einschätzungen. Sage nicht: „Ich habe wirklich gute Arbeit geleistet“, sondern: „Ich habe die Verantwortung für X übernommen, das Ergebnis Y erzielt und dem Team dadurch Z an Kapazität verschafft.“ Vergleiche diese Liste anschließend mit den Aufgaben, für die du ursprünglich eingestellt wurdest.

Richte den Blick außerdem darauf, welchen Nutzen das Unternehmen künftig von dir hat – nicht nur auf deine bisherigen Erfolge. Führungskräfte müssen eine Gehaltserhöhung meist gegenüber anderen Verantwortlichen begründen. „Diese Person liefert konstant gute Ergebnisse und übernimmt mehr Verantwortung“ ist ein überzeugendes, zukunftsgerichtetes Argument.

Was, wenn du gar nicht kündigen möchtest?

Das ist völlig in Ordnung und schwächt deine Position weniger, als viele glauben. Eine Verhandlung, die auf deinem Wert statt auf einer Kündigungsdrohung beruht, ist oft angenehmer und lässt sich später besser wiederholen. Schließlich hängt sie nicht von einem Bluff ab, den du niemals wahr machen würdest.

Du kannst bleiben wollen und trotzdem eine faire Bezahlung verlangen. Wer darin einen Widerspruch sieht, verschenkt Geld.

So bereitest du deine Gehaltsverhandlung vor

Ohne Gegenangebot fühlt es sich vielleicht so an, als hättest du keine Verhandlungsposition. Das stimmt jedoch nicht. Du musst deine Druckmittel nur klar benennen, statt mit einem fremden Angebot zu wedeln: Dokumentiere deine tatsächlichen Leistungen, untermauere sie mit aktuellen Marktdaten und argumentiere ehrlich mit den Kosten deines Weggangs – statt dich auf einen Bluff einzulassen, den du aufrechterhalten müsstest.

Frequently asked questions
Brauche ich für eine Gehaltsverhandlung ein anderes Jobangebot?

Nein. Ein Gegenangebot ist zwar das deutlichste, aber längst nicht das einzige Druckmittel. Alles, was ein Nein für die andere Seite teurer macht als ein Ja, stärkt deine Position – dazu zählen nachweisbare Erfolge, Marktdaten und die Kosten deines Weggangs.

Welche Argumente habe ich bei einer Gehaltsverhandlung ohne Gegenangebot?

Du kannst nachweisbare Erfolge, aktuelle Gehaltsdaten für deine Position, die Kosten einer Ersatzbesetzung, deinen gewachsenen Verantwortungsbereich und einen günstigen Zeitpunkt im Budgetzyklus anführen.

Darf ich bei der Gehaltsverhandlung ein anderes Angebot erfinden?

Nein. Ein Bluff kann überprüft werden und hält konkreten Nachfragen selten stand. Selbst wenn er einmal funktioniert, schadet er deiner Glaubwürdigkeit, sobald er auffliegt. Außerdem könnte deine Führungskraft dich künftig als Abwanderungsrisiko betrachten.

Wie begründe ich eine Gehaltserhöhung mit meinen Leistungen?

Notiere deine konkreten Beiträge aus den vergangenen sechs bis zwölf Monaten und vergleiche sie mit deinen ursprünglichen Aufgaben. Ergänze aktuelle Marktdaten und zeige, welchen Nutzen das Unternehmen künftig von dir hat – statt nur vergangene Erfolge aufzuzählen.

Überzeuge mit deinem Wert statt mit einem Bluff
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